Fachtagung „Wohnungslos – wo kann ich sterben?

Bericht über die Fachtagung zu "Wohnungslosigkeit und Sterbebegleitung"

"Wohnungslos - Wo kann ich sterben?"

“Von Jung bis Alt – Sterbebegleitung am Rande der Gesellschaft”
Donnerstag, 11.04.2013, Gießen, Konzertsaal im neuen Rathaus

Am 11. April 2013 fand in Gießen die Fachtagung “Wohungslos – wo kann ich sterben? Von Jung bis Alt – Sterbebegleitung am Rande der Gesellschaft” statt. Es kamen rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Wohnungslosenhilfe sowie Hospiz- und Palliativarbeit zusammen, um zu sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam zu diskutieren.

Die Veranstaltung wurde in Kooperation von HAGE e.V., mit den beiden Arbeitsbereichen Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit in Hessen und KASA – Koordinations- und Ansprechstelle für Dienste der Sterbebegleitung und Angehörigenbetreuung sowie das Diakonische Werk in Kurhessen-Waldeck und der Stadt Gießen geplant und durchgeführt.

Durch die 3. Stichtagserhebung der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen e. V. im Jahr 2011 wurden 3.883 wohnungslose Personen in Hessen erfasst, die Einrichtungen der LIGA-Verbände aufsuchten. Insgesamt geht man in Deutschland von etwa 250.000 wohnungslosen Menschen aus. Hinzu kommen noch Menschen, die in unzumutbaren Wohnverhältnissen leben oder in anderer Weise von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Die Zahl dieser Menschen steigt in den letzten Jahren wieder an.

Wohnungslose Menschen oder die Menschen, die in prekären Wohnverhältnissen leben, schenken wir im Alltag nur wenig Aufmerksamkeit. Wir suchen eher das vermeintlich Bessere. Bedauern, was wir nicht haben. Unsere erste Begegnung mit einem Obdachlosen ist uns sicher oder auch nur vielleicht in Erinnerung. Vielleicht war es auch eher eine Nicht-Begegnung? Ein Wegsehen? Es ist schwierig zu verstehen, warum unser reiches Land nicht in der Lage ist, jedem Menschen ein Dach über dem Kopf anbieten zu können.

Wohnungslos zu sein ist für die meisten Menschen schwer vorstellbar. Keine feste Bleibe zu haben bedeutet Armut und damit eine Ausgrenzung an den Rand der Gesellschaft. Wie ist es aber wenn wohnungslose Menschen sterben?

  • Was wissen wir über die Aufenthaltsorte wohnungsloser Menschen und ihr Leben?
  • Wie sterben Menschen am Rande der Gesellschaft?
  • Was wissen wir über ihre Wünsche am Lebensende?
  • Welche Möglichkeiten der Beratung und Begleitung gibt es derzeit für sterbende obdachlose Menschen?
  • Welche Möglichkeiten zur Begleitung wohnungsloser sterbender Menschen und ihrer Freunde und Angehörigen durch die Hospizbewegung gibt es?
  • Was braucht man zur Verbesserung der Sterbebegleitung wohnungsloser Menschen?

Die beiden Vorträge am Vormittag ermöglichten einen guten Einstieg in die Thematik “Sterbebegleitung wohnungsloser Menschen”, die die Bereiche Sozialarbeit und Wohnungslosenhilfe sowie die Hospiz- und Palliativarbeit zusammenbringt.
Prof. Eckhard Rohrmann (Universität Marburg) ging auf Armut und Reichtum in Deutschland ein. Er stellte die Funktion von Wohnen dar und die Konsequenzen, die sich für Menschen ergeben, wenn sie ein Leben ohne Wohnung führen müssen. Er beschrieb heterogene Sozial- und Problemlagen bei Wohnungslosigkeit. An Beispielen verdeutlichte er die Ausgrenzung wohnungsloser Menschen in Deutschland, führte aber auch ein Beispiel auf, wo sich Mitmenschen für wohnungslose Menschen in ihrem Stadtteil engagieren.

Anschließend berichtete Prof. Werner Schneider (Universität Augsburg) von der Hospizbewegung, die als Bürgerbewegung Missstände in der Gesellschaft aufdeckt und sich dafür einsetzt, diese zu verbessern. Hospizbewegung will sterbenden Menschen Selbstbestimmung ermöglichen und Verantwortung für den anderen übernehmen, wo es angefragt wird. Allerdings stellen sich in der Hospiz- und Palliativarbeit zwei zentrale Fragen: 1. Für welche Menschen (mit welchen sozialen Merkmalen) ist Hospiz am Lebensende verfügbar? 2. Welche Menschen (mit welchen sozialen Merkmalen) werden sich in Zukunft in der Hospizarbeit ehrenamtlich engagieren, d.h. wer ermöglicht also für wen ein gutes hospizlich begleitetes Sterben? so Prof. Schneider.

Am Nachmittag tauschten sich die Teilnehmenden an Thementischen aus, die über Projekte der Wohnungslosenhilfe und der Hospizarbeit informierten. Hierbei ging es um die Fragen, wie Wünsche und Bedürfnisse sterbender wohnungsloser Menschen erfragt werden können, welche Voraussetzungen notwendig sind, um die Handlungsfelder Wohnungslosenhilfe und der Begleitung sterbender Menschen durch die Hospizbewegung stärker zu verknüpfen und wo „Stolpersteine“ bei der Zusammenarbeit beider Handlungsfelder liegen könnten?

Am Ende des Tages stand für die Teilnehmenden fest, dass es wichtig ist, mehr voneinander zu erfahren und sich vor Ort zu vernetzen und wohnungslosen Menschen über Angebote zu informieren. Gegenseitig kann von den Erfahrungen profitiert und gemeinsam nach Lösungen von auftretenden Problemen gesucht werden, so dass für Menschen am Rande der Gesellschaft ein gutes Leben bis zu letzt, entsprechend seiner Wünsche, möglichst schmerzfrei und in Geborgenheit ermöglicht werden kann.

Ergänzende Graphiken zum Vortrag von Prof. Rohrmann über Vermögensverteilung etc. sind auf der folgenden Internetseite zu finden von Richter Publizistik