Bericht - 18. Fachtagung „Leben und Sterben“ 2017 in Gießen

Titelbild Leben und Sterben 2017

Auf die Sterbebegleitung in stationären Pflegeeinrichtungen lenkte in diesem Jahr die 18. Fachtagung „Leben und Sterben“ thematisch ihren Blick. Die Fachtagung des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration, an der mehr als 100 Interessierte teilnahmen, fand am 15. November 2017 in Gießen statt.
Stationäre Pflegeeinrichtungen sind Orte, in denen gestorben wird, daran besteht kein Zweifel. Die Bedeutung als Sterbeort nimmt jedoch, zum Beispiel durch eine immer kürzere Verweildauer der Bewohnerinnen und Bewohner, zu. Dieser sich vollziehende Wandel stellt eine Herausforderung für die Mitarbeitenden in den Pflegeeinrichtungen dar. In kürzester Zeit müssen mit dem neuen Bewohner und seinen Angehörigen intensive Gespräche über Wünsche, Sorgen und Ängste hinsichtlich der verbleibenden Lebenszeit geführt werden. Die Mitarbeitenden müssen in Bezug auf Versorgung, Betreuung und Begleitung richtungsweisende Entscheidungen treffen. Externe Kooperationspartner werden zur Versorgung und Begleitung des Bewohners hinzugezogen. Und es besteht ein Spannungsfeld zwischen der Entscheidung zu aktivierender oder palliativer Pflege und Versorgung. Schwierig ist und bleibt die Antwort auf die Frage, wann ein Mensch ein sterbender Mensch ist.

Eine am Bewohnerwunsch orientierte Sterbebegleitung in der stationären Pflegeeinrichtung ist eine Herausforderung!

Prof. Werner Schneider von der Universität Augsburg stellte auf der Tagung die Ergebnisse der Studie „Sterben zuhause im Heim – Hospizkultur und Palliativkompetenz in der stationären Langzeitpflege (2015 – 2017)“ vor. Die zentrale Frage des Forschungsprojektes war: Wie ist der aktuelle Entwicklungsstand von Hospizkultur und Palliativkompetenz in stationären Pflegeeinrichtungen? Die Einrichtungen, die sich an der Befragung beteiligt haben, so Prof. Schneider, beschäftigen sich allerdings bereits mit dem Thema „Sterben und Tod“.
In den meisten einbezogenen Einrichtungen gibt es also bereits Konzepte zur Sterbebegleitung. Wobei hier keine Aussage über die Qualität dieser getroffen werden kann. Und auch die Qualifizierung des Personals ist in den Einrichtungen ein zentrales Thema. Ebenso werden die Kooperation und Vernetzung als Schlüssel für eine verbesserte Begleitung sterbender Menschen gesehen. Interessanterweise wird die zunehmende Beschäftigung und die zeitliche Investition in die Thematik eher als eine Art „Hintergrundarbeit“ wahrgenommen und beschrieben und besteht konkret aus Absprachen, Qualifizierung und Netzwerktreffen vor Ort. Für ein Gelingen dieser Praxis bedarf es insbesondere der Förderung einer guten Kommunikationsstruktur und einer wertschätzenden Kultur des Umgangs aller Beteiligter.
Die ambulante Hospizarbeit kann hier nicht allein zur Verbesserung der Sterbebegleitung in stationären Pflegeeinrichtungen beitragen. Bundesweit gibt es neben rund 11.500 Pflegeeinrichtungen nur rund 1.500 ambulante Hospizinitiativen. Es muss also ermittelt werden, welche Ressourcen in den Einrichtungen selbst und im Stadtteil bzw. Quartier vorhanden sind, um diese nutzen und ausbauen zu können.

Der eindrückliche Bericht über die Zusammenarbeit des Hospizdienstes „Immanuel“ aus Gladenbach und der Pflegeeinrichtung „Haus des Lebens“ am Aartalsee in Bischoffen, verdeutlichte an einem Praxisbeispiel die theoretischen Aspekte, die Prof. Schneider dargestellt hat. Die Referentinnen, Doris Pitzer und Monika Burek, betonten, wie wichtig Kommunikation, ein respektvoller Umgang miteinander, regelmäßige persönliche Treffen und das Einhalten von Absprachen sind. Nur so könnten die Angebote den sterbenden Menschen und ihren Angehörigen sowie den Mitarbeitenden der Einrichtung als Entlastung zugutekommen.
Es stellt sich die Frage, woran eine gelungene Abschiedskultur erkennbar sei. Dafür, so die Antwort, gibt es vor allem weiche Indikatoren: Die Zufriedenheit aller an der Sterbebegleitung beteiligten Personen, positive Rückmeldungen von außen an das Heim und das Verhalten der Angehörigen, wenn diese sich weiter der Pflegeeinrichtung verbunden fühlen.

Die weiteren Vorträge am Nachmittag stellten Möglichkeiten und Grenzen der Begleitung und Versorgung sterbender Menschen am Lebensende dar. Hierbei wurden von Melanie Steuer aus juristischer Sicht rechtliche Aspekte angesprochen. Die Entwicklung des Hospiz- und Palliativgesetzes 2015 und zum Stand der Umsetzung des §132g SGB V „Gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase“ referierte Dr. Carmen Berger-Zell. Und Michaela Hach sprach abschließend über die Möglichkeiten der Versorgung von Bewohnern, durch externe Leistungen in stationären Pflegeeinrichtungen.

Was bleibt…
Am Ende des Tages kann aus der Diskussion festgehalten werden: Ziel muss es sein, ein gutes Sterben als festen Bestandteil in das Leben in der stationären Pflegeeinrichtung zu integrieren! Hierbei sollte den Veränderungen des 21. Jahrhunderts in den Überlegungen zur Gestaltung der Pflegeeinrichtungen Rechnung getragen werden. Die Pflegeeinrichtungen können zwar eine zentrale Rolle beim Aufbau einer sorgenden Gemeinschaft im Quartier einnehmen. Allerdings muss auch an anderen Stellen angesetzt werden. Die gesellschaftliche Aufwertung der Altenpflege und eine entsprechende Honorierung sind dringend notwendig. Die Qualifizierung der Mitarbeitenden, Supervisionsangebote, die Entwicklung von tragfähigen Konzepten, sodass Strukturen verlässlich aufgebaut werden können und die kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit, um Multiplikatoren zu gewinnen, können außerdem dazu beitragen.
Ein würdevoller Umgang mit altgewordenen, kranken und sterbenden Menschen sollte in einer demokratischen Gesellschaft keine Ausnahme, sondern die Regel sein.

20 Jahre KASA, Arbeitsbereich der HAGE e. V.

In diesem Jahr wurde im Rahmen der Fachtagung „Leben und Sterben“ das 20-jährige Bestehen der KASA, der Koordinations- und Ansprechstelle für Dienste der Sterbebegleitung und Angehörigenbetreuung gefeiert werden. Dr. Christa Perabo, die die Einrichtung des niederschwelligen Beratungsprojektes KASA beim Sozialministerium möglich gemacht hat, und Elke Kiltz, die in den vergangenen zehn Jahren bis Mitte 2017 für das Thema Koordinierung Sterbebegleitung im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration verantwortlich war, gaben einen interessanten Überblick über die Entstehung der KASA und die Arbeit der vergangenen 20 Jahre.
KASA als niederschwelliges Beratungsangebot hat die Entwicklungen der hessischen Hospiz- und Palliativarbeit geprägt. Besonders die Vernetzung der Akteure in diesem Feld ist eine wesentliche Aufgabe. Durch die Neutralität und die Ansiedlung des Projektes bei der HAGE sind hier bereits vor 20 Jahren günstige Rahmenbedingungen geschaffen worden, um die Sterbebegleitung und Angehörigenbetreuung, dort wo Menschen sterben, zu verbessern. Ziel der KASA-Beratungsstelle ist es, zur Verbesserung der Sterbebegleitung in Hessen, durch das Initiieren, Begleiten, Fördern und Vernetzen hospizlicher und palliativer Arbeit zur Versorgung sterbender Menschen und ihrer Angehörigen, beizutragen. Fachlich begleitet wird die Arbeit der KASA-Geschäftsstelle durch einen Beirat.

Danke!
Ein ganz herzlicher Dank gilt allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe „Verbesserung der Sterbebegleitung“ bei der Hessischen Landesregierung und den Mitgliedern des KASA-Beirats, die die Arbeit der KASA-Beratungsstelle unterstützen und die engagiert und konstruktiv Wege diskutieren, um den sterbenden Menschen an ihren Sterbeorten eine gute Begleitung und Versorgung, ihren Wünschen entsprechend, bis zuletzt leben zu können.

Die Tagung wurde gemeinsam vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration und der HAGE e. V., Arbeitsbereich KASA durchgeführt. Ganz herzlich danken wir allen Referenten und Referentinnen und allen weiteren Mitmenschen, die zum Gelingen der 18. Fachtagung „Leben und Sterben“ beigetragen haben!