Bericht - 17. Fachtagung „Leben und Sterben“ 2016 in Frankfurt / Main

„Ins Gespräch kommen - eine gemeinsame Herausforderung“

Am 15. November 2016 fand die diesjährige Fachtagung „Leben und Sterben“ des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration in Frankfurt statt. Die Fachtagung stand unter dem Titel „Ins Gespräch kommen – eine gemeinsame Herausforderung“. Dieses Thema hat sich ganz selbstverständlich ergeben. Immer wieder wird festgestellt, dass die Begriffe „Hospiz“ und „Palliativ“ zwar in der Bevölkerung bekannt sind, aber es weniger bekannt ist, was sich dahinter verbirgt. Die Bevölkerung weiß noch zu wenig über Beratungsstellen und Unterstützungsangebote für sterbender Menschen und Angehörige.

90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen an der komplett ausgebuchten Tagung teil. Die Fachtagung bot Raum zur Diskussion, wie wir als Mitarbeitende in der Hospiz- und Palliativarbeit vor Ort mit der Bevölkerung ins Gespräch kommen können, über das Lebensende, über Sterben und Tod sowie über Möglichkeiten und Grenzen der Versorgung und Begleitung.

Vortrag von Prof. Werner Schneider
Am Vormittag hielt Prof. Werner Schneider einen Vortrag, der zum Nachdenken anregte. Er stand unter dem Titel „Bürgerbewegt für's Lebensende – Hospizbewegung und Hospizarbeit in der Gesellschaft von morgen“ stand.

Schneider bearbeitete in seinem Vortrag drei Fragen:
1. Was kennzeichnet Hospizarbeit als ehrenamtliche Praxis heute und morgen?
2. Welche Bedeutung kommt ‚Hospiz‘ in der ‚Zivilgesellschaft‘ zu? – einer Gesellschaft, die sich insgesamt in ihren Grundfesten ebenso wie in ihrem Umgang mit Sterben und Tod radikal verändert?
3. Was sind mögliche Folgerungen für Hospizarbeit insbesondere in der öffentlichen Wahrnehmung und welche Zukunft hat Hospiz als Bürgerbewegung?

Prof. Schneider wies eindrücklich darauf hin, dass nicht nur die Hospizarbeit sich verändert, sondern auch die Gesellschaft sich stetig entwickelt. Das darf beim Weiterdenken der Hospizbewegung nicht vergessen werden. Es zeigt sich, dass sich die Normative der Menschen wandeln und sich damit die bisherigen Grundfesten der Gesellschaft verändern. Beispiele für den Wandel der Normative sind u. a.: Eine Erwerbsarbeit zu haben bedeutet nicht gleich auch eine Teilhabe am Leben zu haben. Das Leben der bürgerlichen Kleinfamilie ist nicht das einzige Familienmodell in unserer heutigen Gesellschaft. Sozialstaat bedeutet nicht gleich eine Sicherung aller Menschen in schwierigen Zeiten. Und auch die Unterstützung in Familien ist nicht mehr automatisch nur eine Aufgabe von Frauen.

Die Bedingungen, mit denen sich derzeit die Hospizbewegung beschäftigt, sind folgende:
• Es gibt einen Generationenwechsel.
• Es gibt ein neues Ehrenamt. Die Ehrenamtlichen sind keine homogene Gruppe, sondern sind ganz verschiedenartig.
• Die Koordinatorin in der Hospizarbeit muss die Expertin für die Ehrenamtlichen und für deren Organisation sein. Sie ist unabdingbar.
• Es gibt verschiedene Bereiche des Ehrenamts, nicht nur den der Begleitung.
• Die Ehrenamtlichen für verschiedene Aufgaben treten zum Teil untereinander in Konkurrenz um das „bessere“ Ehrenamt.
• Ehrenamt soll genutzt, aber nicht ausgenutzt werden.

Das Anliegen der Hospizbewegung:
Die Hospizbewegung hatte Erfolg. Es gibt heute einen neuen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Die Hospizbewegung möchte neben der Begleitung sterbender Menschen auch weiterhin ermöglichen, dass Menschen vor Ort ins Gespräch kommen und zu einer sorgenden Gemeinschaft zusammenfinden. Was aber ist Gemeinschaft? Die Menschen im Quartier, im Ort? Nur die Familie? Gehört die Hospizbewegung dazu? Die Hospizarbeit kann ein Teil dieser Gemeinschaft sein.

Die Hospizbewegung weist immer wieder darauf hin, dass jedes Sterben individuell ist. Wir fühlen uns individuell und auch der sterbende Mensch hat seine Rolle. Damit ist aber auch eine Anforderung verbunden. Er muss sich entscheiden, wie das eigene Sterben sein soll, wie er es organisieren und gestalten möchte. Sterben sollte vorsorglich bedacht, besprochen und geplant werden. Dabei muss die Hospizbewegung darauf achten, welche Bilder vom Sterben vermittelt werden, denn diese werden die Gestaltung des Lebensendes beeinflussen.

Die Hospizbewegung muss darauf achten, welche Fragen die Menschen bewegen. Wenn sie das nicht tut, dann werden aus der Hospizbewegung und dem Engagement ein Beruf, eine Professionalisierung und eine Kommerzialisierung. Hospizbewegung muss sich immer wieder erneuern, in dem sie die Belange, die Sorgen und Nöte der Menschen am Lebensende erspürt und benennt.

Letztendlich aber macht die Hospizbewegung das, was notwendig ist, sie reagiert auf den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre und versucht diesen aktiv mitzugestalten. Es wird sich zeigen, ob aus der Bürgerbewegung nun auch eine soziale Bewegung werden wird, die alle Menschen der Gesellschaft mitnimmt.

Vom „Sich Sorgen“ zum „Unterstützen“
Die Hospizbewegung hat heute eine andere Basis als vor 30 Jahren. Prof. Schneider hat in seinem Vortrag verdeutlicht, dass wir in unserem Kreis von Fachleuten viel wissen. Die Angebote für Menschen, am Lebensende differenzieren sich mehr und mehr, so dass es scheint, dass selbst den Experten nicht mehr genau klar ist, welche Möglichkeiten es in welcher Form gibt. Auch die Wünsche und Bedürfnisse der sterbenden Menschen und ihrer Angehörigen sind vielfältig.

Hospizbewegung ist eine laute Stimme, die auf die sich verändernden Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft reagiert hat. Sie hat das in den letzten 30 Jahren getan und wird es sicher auch weiterhin tun und den Wandel mitgestalten. Sie kann dazu beitragen, dass sterbende Menschen um Möglichkeiten am Lebensende wissen und Unterstützung erhalten.

Die Arbeitsgruppen
Anschließend konnten die Teilnehmenden zwei aus sieben Arbeitsgruppen wählen. In diesen Arbeitsgruppen wurden folgende Projekte vorgestellt bzw. Themen diskutiert:
• das Projekt „beizeiten-gebleiten“
• das Beratungsprojekt „Leben auf Zeit“ in Hanau
• Mit Kindern über Sterben, Tod und Trauer sprechen: das Projekt „Hospiz macht Schule“ und die Unterrichtshilfe der HAGE e. V. „Abschied – Mit Kindern über Leben und Sterben nachdenken“
• Mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen über Sterben, Tod und Trauer sprechen: am Beispiel einer Beruflichen Schule
• das Projekt „Letzte Hilfe Kurse“
• Sterbehilfe in der Praxis
• „Tabuthema Sterben: Vorurteile und Wissensdefizite“. Ergebnisse einer Umfrage der Deutschen PalliativStiftung

Das Hospiz- und Palliativgesetz – Verbesserungen für stationäre Pflegeeinrichtungen?
In der Abschlussdiskussion im Plenum am Ende der Tagung wurde der Blick auf die Verbesserung der Sterbebegleitung in stationären Pflegeeinrichtungen gelenkt. Die Podiumsgäste, alles Mitglieder der AG „Verbesserung der Sterbebegleitung“ bei der Hessischen Landesregierung und engagiert in ihrem jeweiligen Bereich, haben eine Einschätzung der Entwicklungen durch das Hospiz- und Palliativgesetz gegeben. Im Jahr 2015 wurden das Hospiz- und Palliativgesetz und das Gesetz zu dem assistierten Suizid verabschiedet.

Das Gesetz hat etwas bewirkt, auch wenn es hinter den Erwartungen zurück geblieben ist. Am Ende waren sich die Teilnehmenden der Tagung einig, dass es nicht nur ausreicht, Geld für mehr Personal zu fordern. Es bedarf auch Geld für Investitionen, für Fortbildungen oder für die Gestaltung von Räumen in stationären Pflegeeinrichtungen. Die Gestaltung stationärer Pflegeeinrichtungen sollte dem Alltag der Menschen entsprechen, die dort ihr Leben bis zuletzt verbringen.

Es gibt Beispiele guter Praxis. Um die Akteure der hessischen Regionen zusammenzubringen, sind im kommenden Jahr vier Regionaltagungen in Hessen geplant. Sie haben zum Ziel, die Akteure vor Ort zusammenzubringen, über die Neuerungen des Hospiz- und Palliativgesetzes zu informieren und die Vernetzung der Begleitungs- und Versorgungsangebote der stationären Pflegeeinrichtungen mit den hospizlichen und palliativen Angeboten zu befördern.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es auch in stationären Pflegeeinrichtungen Möglichkeiten gibt, sterbende Menschen am Lebensende würdevoll zu begleiten. Die Akteure in der Region müssen die Möglichkeit haben, sich zu vernetzen. Es braucht Verhandlungen mit den Kostenträgern, Kooperationen und Netzwerken mit den Akteuren der Region (SAPV, Hospizdienst, Hausharzt, Seelsorge). Ebenfalls müssen sich die Rahmenbedingungen in den Einrichtungen ändern und an den Bedarfen der Menschen orientieren, die dort leben. Insgesamt sollte sich die Gesellschaft zu einer sorgenden Gemeinschaft hin verändern, die die rein ökonomische Sicht auf den Menschen überwindet und füreinander da sein wird, gemeinsam aus einem Mix von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen.

So schloss sich am Ende der Tagung der Bogen zum einführenden Vortrag von Prof. Schneider.

Danke!
Die Tagung wurde gemeinsam vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration und der HAGE e. V., Arbeitsbereich KASA, in Kooperation mit der Deutschen PalliativStiftung durchgeführt. Ganz herzlichen Dank an alle, die zum Gelingen der 17. Fachtagung “Leben und Sterben” beigetragen haben.

Autor:
HAGE e. V., Arbeitsbereich KASA
Wildungers Str. 6/6a, 60487 Frankfurt, Tel. 069 / 713 76 78-0

Hier gelangen Sie zu der Einladung und dem vollständigen Programm